Politik für nachhaltigere Ernährung

Eine integrierte Ernährungspolitik entwickeln und faire Ernährungsumgebungen gestalten

Wenn globale, europäische und deutsche Nachhaltigkeitsziele (z. B. Sustainable Development Goals/SDGs und Klimaziele) erreicht werden sollen, müssen alle Sektoren weitreichende Beiträge leisten – auch der Landwirtschafts- und Ernährungssektor. Weiterhin wird es wird nicht ausreichen, wenn sich lediglich die Produktion ändert, es muss sich auch der Konsum ändern. Der Ernährung kommt dabei eine wichtige Rolle zu: Die Art und Weise, wie wir uns ernähren, beeinflusst nicht nur unseren individuellen Gesundheitsstatus und unser Wohlbefinden, viele der konsumierten Lebensmittel tragen auch einen erheblichen sozialen, umwelt-, klima- und tierschutzbezogenen Fußabdruck. Dass wir uns zukünftig nachhaltiger ernähren müssen (und können), ist unbestritten. Wer dazu in welcher Form beitragen kann oder sollte (Politik, Wirtschaft oder Verbraucher*innen), wird jedoch gesellschaftlich sehr kontrovers diskutiert.

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hat am 21. August 2020 eine umfassende Analyse unseres Ernährungssystems und seiner politischen Steuerung in Deutschland vorgelegt. Das Ziel war es für ein wohlhabendes Land wie Deutschland weniger nachhaltige von nachhaltigeren Arten der Ernährung zu unterscheiden und aufzuzeigen, wie Politik dazu beitragen kann, dass sich Menschen nachhaltiger ernähren. Die Autor*innen des Gutachtens stellen auf diesen Internetseiten zentrale Ergebnisse der Analyse und die daraus abgeleiteten Empfehlungen für die Entwicklung einer integrierten Politik für nachhaltigere Ernährung in Deutschland vor.

Zwei zentrale Ergebnisse sind bereits im Untertitel angedeutet:

  1. Eine integrierte Ernährungspolitik umfasst einen parallelen Blick auf alle vier zentralen Dimensionen einer nachhaltigeren Ernährung: auf Gesundheit, soziale Ziele, Umwelt- und Klimaschutz sowie das Tierwohl. Ernährungspolitik wird konzeptionell noch anspruchsvoller, wenn sie diese „Big Four” gleichzeitig adressieren soll. Ein zweites Verständnis von „integrierter Ernährungspolitik” meint deshalb, dass dazu verschiedene Bundesministerien (BMEL, BMG, BMU, BMAS, BMWi, BMBF, BMFSFJ) zukünftig noch besser zusammenarbeiten müssen.
  1. Die Ernährungsumgebung steht im Vordergrund, da viele Verbraucherinnen und Verbraucher gerade bei Ernährung besonders motiviert sind, sich nachhaltig zu verhalten, sich aber nicht immer reflektiert und bewusst abwägend verhalten können und bei den heutigen Rahmenbedingungen hier immer wieder scheitern (müssen). Das Gutachten wendet sich mit dieser Betonung der Ernährungsumgebung auch gegen eine zu starke Moralisierung des Konsums, die zwischen „richtiger” und „falscher” Ernährung polarisiert und die Verantwortung für Probleme zu stark individualisiert, was über Stigmatisierungen wiederum zu Problemverschärfungen beiträgt. Die nachhaltige Wahl sollte die einfache Wahl sein, die Ernährungsumgebungen sollten fair sein – was eingriffstiefere Instrumente erfordert.