Bewertung gesellschaftlich weit verbreiteter Ernährungsempfehlungen

Politiker*innen, Verbraucher*innen, aber auch die Wirtschaft sehen sich mit einer Vielzahl von – häufig nicht übereinstimmenden – Empfehlungen zu nachhaltigerer Ernährung konfrontiert. Um das Ziel einer nachhaltigeren Ernährung systematisch verfolgen zu können, benötigen sie jedoch eine Art „Kompass”, der sowohl Orientierung ermöglicht als auch ein systematisches Monitoring erlaubt.

Aus diesem Grund hat der WBAE gesellschaftlich weit verbreitete Ernährungsempfehlungen hinsichtlich der vier zentralen Ziele einer nachhaltigeren Ernährung bewertet (vgl. Kap. 5 des Gutachtens „Identifikation und Messung nachhaltiger Ernährung“). Eine solche Bewertung ist zwangsläufig vereinfachend und unterliegt methodischen Begrenzungen. Das Gutachten arbeitet eine Bewertungsproblematik besonders heraus, und zwar die der (unterschiedlichen) Referenzsysteme der Betrachtung: Viele Empfehlungen darüber, was eine nachhaltigere Ernährung ausmacht, beziehen sich auf ein landwirtschaftliches Produktionssystem (z. B. bio versus konventionell). Andere Empfehlungen stellen ein einzelnes Lebensmittel mit den Auswirkungen entlang seines Lebensweges in den Vordergrund oder betrachten bestimmte Lebensmittelgruppen oder Ernährungsmuster. Neben diesen Betrachtungsebenen gibt es schließlich noch die Ebene von räumlich definierten (global, national, regional) Ernährungssystemen.

All diese Bewertungsebenen sind nicht einfach kombinierbar, was einen wesentlichen Grund für die Inkonsistenz vieler Nachhaltigkeitsempfehlungen darstellt. Erschwerend kommt hinzu, dass die vorliegenden Bewertungssysteme in den verschiedenen Nachhaltigkeitsfeldern unterschiedlich weit entwickelt sind.

Trotz aller Einschränkungen lassen sich eine Reihe richtungsstabiler Schlussfolgerungen für Verbraucher*innen treffen:

  1. Die verschiedenen Empfehlungen zum Konsum gesundheitsförderlicher Produkte leisten für sich jeweils nur begrenzte Beiträge – es gibt kein „Superfood”. Zentral zu empfehlen ist vielmehr ein gesundheitsförderliches Ernährungsmuster, d. h. die ausgewogene Zusammenstellung von Lebensmitteln mit überwiegend günstigen Nährwertprofilen. Es gibt verschiedene anerkannte Ernährungsmuster (Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Healthy Eating-Index, DASH-Diät, Mediterrane Kost), nach denen sich Verbraucher*innen richten können. Welches dieser Ernährungsmuster die Verbraucher*innen dann bevorzugen, ist eine Frage der persönlichen Präferenz.

  1. Die Erfassung und Bewertung der sozialen Dimension von Ernährung ist unterkonzeptionalisiert. Derzeit wird der soziale Fußabdruck, den ein Lebensmittel entlang der Wertschöpfungskette generiert, nur unzureichend erfasst und ist für Konsument*innen nicht erkennbar. Global, nicht selten auch in der EU und gelegentlich auch in Deutschland, ist unklar, ob soziale Mindeststandards eingehalten werden. Von den betrachteten Labeln kann hinsichtlich der sozialen Effekte lediglich für das Bio- und das Fairtrade-Label eine in der Gesamtbewertung positive Empfehlung ausgesprochen werden. Die größten mittel- und langfristigen Potenziale für positive soziale Effekte mit Blick auf ein nachhaltigeres Ernährungsverhalten sowie gesellschaftliche Teilhabe und „sozialen Zusammenhalt” hier in Deutschland liegen nach Einschätzung des Beirats darin, in einer oder für eine Gemeinschaft zu kochen und gemeinsam zu essen (z. B. in Kitas und Schulen). Dies fördert das psychische Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und soziale Bindungen, und es können wichtige soziale Lernräume entstehen.

  1. Eine umweltverträglichere Ernährung hat verschiedene Ansatzstellen. Eine bedeutende ist die Verminderung des Konsums von Fleisch sowie anderen tierischen Produkten, eine andere ist die Vermeidung von Lebensmittelverlusten. Auch der Konsum von Bioprodukten kann bis zu einem gewissen Grad zu einer umweltverträglicheren Ernährung beitragen (z. B. positive Biodiversitätseffekte). Der Verzicht auf eingeflogene Waren und Produkte aus fossil beheizten Gewächshäusern ist eine weitere sinnvolle Maßnahme. Regionale Erzeugung ist dagegen aus einer Nachhaltigkeitsperspektive nicht immer erste Wahl, und Mehrwegverpackungen sind nicht durchgängig umweltverträglicher als Einwegverpackungen.
  1. Eine tierwohlorientierte Ernährung steht und fällt mit der Auswahl von Produkten mit höheren Tierwohlstandards. Weniger tierische Produkte zu konsumieren, kann zu mehr Tierwohl beitragen, wenn es in Form eines „weniger und besser” erfolgt. Wenn die Substitution von tierischen Erzeugnissen vornehmlich durch mehr Gemüse und Hülsenfrüchte erfolgt, ergeben sich erhebliche Synergien mit Gesundheits- und Umweltzielen. Für die Landwirtschaft stellt die Transformation zu einem „weniger und besser” allerdings eine erhebliche soziale und ökonomische Herausforderung dar.

Die Umsetzung der verschiedenen (Kategorien von) Ernährungsempfehlungen durch Verbraucher*innen gründet in unterschiedlichen politischen Voraussetzungen: Mehr oder weniger von bestimmten Lebensmitteln zu konsumieren, aber auch Lebensmittelabfälle zu vermeiden, wird einfacher, wenn Preise und andere Anreize in die richtige Richtung weisen. Produktvarianten zu wählen, deren Erzeugung höheren sozialen, Umwelt- und Tierschutzstandards entspricht, ist nur möglich, wenn diese entsprechend gekennzeichnet werden. Schließlich ist Ernährung stark gewohnheitsgeprägt – daher ist das Erlernen nachhaltigerer Ernährungsmuster in Kita und Schule so wichtig. Politik für nachhaltigere Ernährung kann daher nicht auf ein Instrument setzen, sondern benötigt einen ausdifferenzierten Instrumentenmix.

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