Die „Big Four“ einer nachhaltigeren Ernährung

Mit dem Fokus auf eine nachhaltigere Ernährung nimmt das Gutachten die wichtigsten vier Ziele nachhaltigerer Ernährung, Gesundheit – Soziales – Umwelt – Tierwohl, die „Big Four“, zusammen in den Blick.

Quelle: Eigene Darstellung.

In Bezug auf die vier zentralen Ziele einer Politik für nachhaltigere Ernährung beschreibt das Gutachten die folgenden Hauptprobleme (vgl. Kap. 4 des Gutachtens „Problemanalyse“):

  1. Gesundheit: Gemessen an seinem Wohlstand steht Deutschland bezüglich ernährungsbezogener Gesundheitsindikatoren (z. B. hohe Prävalenz von Personen mit Übergewicht oder Adipositas) nur mittelmäßig da. Armut korreliert deutlich mit ernährungs(mit)bedingten gesundheitlichen Beeinträchtigungen.
  1. Soziales: In Deutschland existiert eine weitreichende Arbeits- und Sozialgesetzgebung, gleichzeitig gibt es Defizite in der Umsetzung, vor allem im Bereich der Saison- und Leiharbeitskräfte sowie in der Schlachtindustrie und der Gastronomie. In der globalen Agrarwirtschaft sind Zwangsarbeit, schwerwiegende Formen der Kinderarbeit und andere Verletzungen der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) häufig.
  1. Umwelt: In der Wertschöpfungskette für Lebensmittel (von der Herstellung von Produktionsmitteln über die landwirtschaftliche Produktion bis hin zu Verarbeitung, Handel und Konsum) treten vermeidbare negative ökologische Effekte auf, insbesondere hinsichtlich Biodiversität, Überschüssen an reaktiven Stickstoffverbindungen und Treibhausgas-emissionen. Im Vordergrund des ernährungsbezogenen Umwelt- und Klimaschutzes steht die Verlagerung des Konsums auf umwelt- und klimaverträglichere Lebensmittel, in Deutschland und anderen Industrieländern insbesondere durch eine Reduktion des Konsums tierischer Produkte und von Lebensmittelverschwendung.
  1. Tierwohl: In den letzten Jahren sind einige Einzelschritte in Richtung eines Umbaus der landwirtschaftlichen Tierhaltung hin zu mehr Tierschutz erfolgt. Eine umfassende, von politisch dazu legitimierten Entscheidungsträger*innen verabschiedete Strategie, die auch die Finanzierung des notwendigen Umbaus der Nutztierhaltung umfasst und damit größere Fortschritte ermöglicht, fehlt bisher.

Zwischen den vier Zielen Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl sind viele Synergien möglich, es existieren jedoch auch Zielkonflikte. Ein wichtiges Beispiel verdeutlicht dies:

Unter Klimaschutzgesichtspunkten kommt der Produktivität der Nutztierhaltung beim Schwein oder Geflügel eine hohe Priorität zu. Ein sehr schnelles Wachstum und sehr hohe Leistungen gehen aber häufig mit Tierschutzproblemen einher. In einem gewissen Umfang können verbesserte Haltungsumgebungen und eine Zucht auf tierschutzrelevante funktionale Merkmale Zielkonflikte abschwächen, allerdings hat der WBA (2015) auch die Grenzen dieses Ansatzes aufgezeigt. Aus Tierwohlperspektive ist für die meisten Nutztiere in der heutigen Intensivhaltung eine „De-Intensivierung” notwendig. Dieser Zielkonflikt zum Klimaschutz kann durch die Reduktion des Konsums tierischer Produkte entschärft werden.

Die Mehrdimensionalität der Ziele und die Existenz von Synergien, aber auch partieller Zielkonflikte, macht nach Ansicht des WBAE eine integrierte Betrachtung unabdingbar. In der politischen Praxis liegen die Zuständigkeiten für eine gesundheitsfördernde Ernährung, soziale Mindeststandards menschenwürdiger Arbeit, Umweltschutz und das Tierwohl aber bei verschiedenen Ministerien und Abteilungen und werden bisher zumeist getrennt betrachtet.

Politik für eine nachhaltigere Ernährung erfordert deshalb eine wesentlich stärkere Vernetzung zwischen verschiedenen Politikfeldern (Gesundheits-, Sozial-, Umwelt- und Tierschutzpolitik, aber auch Agrarpolitik). Der konzeptionelle Rahmen einer solchen integrierten Ernährungspolitik ist in weiten Teilen noch zu entwickeln. Das vorliegende Gutachten empfiehlt deshalb der Bundesregierung, das Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” stärker zu institutionalisieren, Kapazitäten aufzubauen, das Monitoring auszubauen und einen wissenschaftsbasierten „Learning by Doing”-Ansatz zu verfolgen.

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