Empfehlungen: „Auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Ernährung“

Die im Gutachten aufgezeigte Vielschichtigkeit unseres Ernährungsverhaltens (Kap. 3), die Analyse der Nachhaltigkeitsherausforderungen (Kap. 4), die Schwierigkeiten der Messung und Bewertung (Kap. 5), die grundsätzlichen (kulturellen) Barrieren gegenüber einer eingriffstieferen Ernährungspolitik (Kap. 6) sowie das komplexe, durch starke Lobbyeinflüsse geprägte politische Feld (Kap. 7) vermitteln ein Bild von der Komplexität der Governanceaufgabe und zeigen den Entwicklungsbedarf. Die Autor*innen des Gutachtens sprechen neun zentralen Empfehlungen für eine integrierte Politik für eine nachhaltigere Ernährung in Deutschland aus.

Quelle: Eigene Darstellung.
  • Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung herbeiführen – „Kinder und Jugendliche in den Fokus”
  • Konsum tierischer Produkte global verträglich gestalten – „Weniger und besser”
  • Preisanreize nutzen – „Die Preise sollen die Wahrheit sagen“
  • Eine gesundheitsfördernde Ernährung für alle ermöglichen – „Ernährungsarmut verringern“
  • Verlässliche Informationen bereitstellen – „Wahlmöglichkeiten schaffen“
  • Nachhaltigere Ernährung als das „New Normal” – „Soziale Normen kalibrieren”
  • Angebote in öffentlichen Einrichtungen verbessern – „Großküchen nachhaltiger gestalten“
  • Landbausysteme weiterentwickeln und kennzeichnen – „Öko und mehr”
  • Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufwerten und institutionell weiterentwickeln – „Eine integrierte Ernährungspolitik etablieren”

Empfehlung: Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung herbeiführen – „Kinder und Jugendliche in den Fokus”

Die derzeitige Verpflegungssituation in Kita und Schule zeichnet sich weit überwiegend durch eine zu schlechte Qualität des Speisenangebots sowie eine wenig attraktive Essumgebung aus. Dies führt zu geringer Teilnahme und damit hohen Kosten pro Mahlzeit. Kitas und Schulen sind für Kinder und Jugendliche wichtige Orte des Lernens und der sozialen Integration. Um dieses Potenzial im Sinne einer nachhaltigeren Ernährung zu nutzen, bedarf es klarer staatlicher Steuerungsimpulse.

Der WBAE empfiehlt, den notwendigen Systemwechsel in der Kita- und Schulverpflegung mittels der folgenden Bausteine herbeizuführen:

  • Schrittweise und evidenzbasierte Einführung einer beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung (Kommunen, Länder, Bund).
  • Schaffung von fairen Ernährungsumgebungen durch (1) die verpflichtende Umsetzung des Qualitätsstandards der DGE (Bund, Länder, Kommunen, Kita- und Schulleitungen), (2) die Schaffung von angemessenen Räumlichkeiten, Ausstattungen und Essenszeiten, die Kommen-salität (soziales Miteinander) fördern (Bund, Länder, Kommunen, Kita- und Schulleitungen), (3) die Regulierung kompetitiver Verpflegungsangebote (private Cafeterias, Kioske und Verkaufsautomaten) (Länder, Kommunen, Schulträger) und (4) die qualitative Stärkung handlungsorientierter Ernährungsbildung (Länder, Schulleitungen).
  • Bundesinvestitionsprogramm „Top-Mensa” für den quantitativen und qualitativen Ausbau der Kita- und Schulverpflegung (Bund, Länder, Kommunen).

Empfehlung: Konsum tierischer Produkte global verträglich gestalten – „Weniger und besser”

Eine global verträgliche Ernährung erfordert zwingend einen Rückgang des hohen Konsums tierischer Produkte in wohlhabenden Ländern. Eine Reduktion kann in Deutschland zu positiven Gesundheitseffekten beitragen. Auf der Produktionsseite eröffnet eine Transformation der Nutztierhaltung Chancen für mehr Tierwohl und liefert Beiträge zu Biodiversitäts- und Klimaschutz. Diese Transformation sollte in eine umfassende Nutztier- und Ernährungsstrategie eingebettet sein.

Der WBAE empfiehlt insbesondere:

  • Reduktion des Konsums tierischer Produkte durch die Gestaltung entsprechender Ernährungsumgebungen in einem umfassenden Programm fördern, indem (1) die Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für tierische Erzeugnisse abgeschafft und perspektivisch eine spezifische Nachhaltigkeitssteuer eingeführt wird (Bund), (2) ein verpflichtendes Klimalabel für alle Lebensmittel entwickelt und eingeführt wird (Bund), (3) eine Informationskampagne zur Sensibilisierung der Verbraucher*innen hinsichtlich der Klimarelevanz tierischer Produkte und zur Motivation für Verhaltensänderungen durchgeführt wird (Bund) sowie (4) die Qualitätsstandards der DGE für die Gemeinschaftsverpflegung verpflichtend umgesetzt werden (Bund, Länder, Kommunen).
  • Unerwünschten Nebeneffekten entgegenwirken, indem (1) die erhöhte Steuerlast (Mehrwertsteuer, perspektivisch Nachhaltigkeitssteuer) sozial abgefedert wird (Bund), (2) im Rahmen eines Monitorings beobachtet wird, ob eine Reduzierung des Konsums tierischer Produkte zu problematischen Substitutionseffekten führt und ggf. gegengesteuert wird (Bund), (3) unerwünschte Nebeneffekte von Klimaschutzanstrengungen in der Produktion in Bezug auf das Tierwohl beachtet werden (Bund, Länder) und (4) eine Transformationsstrategie zur Verbesserung der Wertschöpfung in der Agrar- und Ernährungswirtschaft erarbeitet und umgesetzt wird (Bund, Länder).

Empfehlung:           Preisanreize nutzen – „Die Preise sollen die Wahrheit sagen“

Die notwendige Transformation zu nachhaltigeren Konsummustern wird nicht alleine auf intrinsischer Motivation und bewussten Entscheidungen aufbauen können. Der WBAE empfiehlt, in zentralen Handlungsfeldern die Preisanreize für eine nachhaltigere Ernährung deutlich zu verstärken. Dies soll durch Entlastung einkommensschwacher Haushalte sozialverträglich gestaltet werden.

Der WBAE empfiehlt:

  • Preisanreize für eine Reduktion des Konsums wenig nachhaltiger Produkte setzen durch (1) die Abschaffung der Reduktion des Mehrwertsteuersatzes für tierische Erzeugnisse (Bund), (2) die Einführung einer neuen Verbrauchssteuer auf alle zuckerhaltigen Getränke, die mit linearem Verlauf am Gehalt an freiem Zuckerorientiert ist und die stufenweise erhöht wird (Bund), sowie (3) perspektivisch die Einführung einer spezifischen Nachhaltigkeitssteuer auf alle Lebensmittel (Bund).
  • Hierdurch entstehende finanzielle Spielräume in Bund und Ländern für Investitionen in nachhaltigere Ernährung nutzen, insbesondere durch (1) eine Steuerrückzahlung im Sinne einer Nachhaltigkeitsprämie für einkommensschwache Haushalte, (2) eine Mehrwertsteuersenkung für Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte, (3) den Umbau hin zu einer tierfreundlicheren Nutztierhaltung und (4) die Verwendung für eine qualitative hochwertige und beitragsfreie Kita- und Schulverpflegung (Bund, Länder, Kommunen).

Empfehlung: Eine gesundheitsfördernde Ernährung für alle ermöglichen – „Ernährungsarmut verringern“

Auch in einem vergleichsweise wohlhabenden Land wie Deutschland gibt es armutsbedingte Fehl- und Mangelernährung und sogar Hunger. Eine Politik für eine nachhaltigere Ernährung sollte die Lebenslagen von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen verstärkt in den Blick nehmen und zielgruppenorientierte Unterstützungsangebote weiterentwickeln.

Der WBAE empfiehlt:

  • Zugang zu gesundheitsfördernder Ernährung für alle ermöglichen durch (1) eine adäquate Berücksichtigung derKosten einer gesundheitsfördernden Ernährung in der Berechnung staatlicher Grundsicherungsleistungen (Bund) sowie (2) die schrittweise Einführung einer qualitativ hochwertigen und beitragsfreien Kita- und Schulverpflegung (Bund, Länder, Kommunen).
  • Unerwünschte negative Effekte einer Politik für nachhaltigere Ernährung auf einkommensschwache Bevölkerungsgruppen vermeiden durch (1) die soziale Abfederung von Lenkungssteuern (Bund) sowie (2) eine grundsätzliche Überprüfung der Auswirkungen des ernährungspolitischen Instrumentenmix auf einkommensschwache Haushalte (Bund).
  • Monitoring zur Ernährungsarmut verbessern (Bund, Länder).

Empfehlung: Verlässliche Informationen bereitstellen – „Wahlmöglichkeiten schaffen“

Die Verfügbarkeit und die Zuverlässigkeit von Informationen über wesentliche Nachhaltigkeitseigenschaften sind zentral für einen nachhaltigeren Konsum. Aktuell fehlen verlässliche Informationen am und über das Produkt weitgehend. Werbung, moderne Informationsmedien und digitale Anwendungen (bspw. Apps) sind oft fragmentiert, nur begrenzt nutzerfreundlich und wenig auf nachhaltigere Wahlmöglichkeiten ausgerichtet.

Der Beirat empfiehlt, einen deutlichen Ausbau der Informationsinfrastruktur mittels der folgenden Bausteine:

  • Eine wirksame Labelpolitik entwickeln, insbesondere durch (1) die Einführung staatlicher, möglichst verpflichtender, interpretativer Label für die zentralen Nachhaltigkeitsdimensionen (Bund), (2) das Voranbringen der Entwicklung EU-weiter Nachhaltigkeitslabel (Bund), (3) die Verringerung der Labelflut durch zusammenfassende Label, (4) die Festlegung eines einheitlichen Designs für staatliche Lebensmittellabel („Dachlabel”) (Bund), (5) eine Verstärkung der Methodenentwicklung und Datenerhebungen für Nachhaltigkeitslabel durch Beauftragung einer (staatlichen) Institution (Bund, Länder) sowie (6) die Schaffung einer validen, integrierten Open-access-Datenbasis („Bundesnachhaltigkeitsschlüssel”) (Bund).
  • Hinsichtlich der Dimension Gesundheit empfiehlt der WBAE, (1) die Einführung des Nutri-Scores in Deutschland weiter voranzubringen (Bund, Wirtschaft), (2) die EU-weite verbindliche Einführung des Nutri-Scores zu unterstützen (Bund, EU), (3) die Validität des Nutri-Scores durch Forschung weiter zu verbessern (Bund), (4) die Vorzugswürdigkeit vieler nicht im Nutri-Score erfasster unverarbeiteter Rohprodukte zu betonen (Bund, Wirtschaft), (5) die Nutzung von Health-Claims auf Produkte mit positiver Gesundheitsbewertung (Stufen A und B des Nutri-Scores) zu beschränken (Bund, EU), (6) zur Angabe des Nutri-Scores in der Lebensmittelwerbung zu verpflichten (Bund) sowie (7) die Nutzung von sogenannten „Wohlfühl-Labeln” und „Wohlfühl-Claims”, d. h. Marketingbegriffe und Zeichen, die indirekt auf Gesundheit Bezug nehmen und rechtlich nicht geregelt sind, zu beobachten und ggf. zu unterbinden (Bund, Länder).
  • Hinsichtlich der Dimension Soziales empfiehlt der WBAE, Mindeststandards im Sozialbereich sicherzustellen, sodass Verbraucher*innen sich darauf verlassen können, dass diese auch tatsächlich eingehalten werden, insbesondere (1) das Mindestlohngesetz entlang der Wertschöpfungskette für in Deutschland erzeugte Nahrungsmittel durch eine angemessene Kontrolldichte konsequent umzusetzen (Bund), (2) das Engagement zur Absicherung EU-weiter sozialer Mindeststandards auszubauen (Bund, EU), (3) die freiwillige Selbstverpflichtung des Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte zu beobachten und ggf. ordnungsrechtlich zu reagieren (Bund) sowie (4) das WTO-Regelwerk bei ethischen Belangen weiterzuentwickeln (z. B. Kennzeichnungsverpflichtungen) (Bund, EU, WTO). Darüber hinaus empfiehlt der WBAE, hinsichtlich der über Mindeststandards hinausgehenden Fairnessgesichtspunkte (5) die Weiterentwicklung von internationalen Fairness-Labeln beim Schutz abhängig Beschäftigter zu fördern (Bund, Wirtschaft, NGOs) und (6) einen rechtlichen Rahmen für freiwillige Fairness-Label in Deutschland zu entwickeln und zu prüfen (Bund).
  • Hinsichtlich der Dimension Umwelt empfiehlt der WBAE insbesondere, (1) ein Klimalabel auf Basis von produktspezifischen Standardwerten und ergänzenden firmenspezifischen Werten einzuführen (Bund, Wirtschaft), (2) eine Verpflichtung zur Angabe des Klimalabels in der Lebensmittelwerbung zu prüfenund (3) sich auf EU-Ebene für eine EU-weite verpflichtende Einführung eines Klimalabels einsetzen (Bund). Darüber hinaus empfiehlt der WBAE (4) eine Datenbank zu durchschnittlichen Klimagasemissionen verschiedener Lebensmittel zu erstellen und Methodenkonventionen voranzutreiben (Bund) und (5) Verfahren zur Messung von Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft voranzutreiben (Bund, Wirtschaft).
  • Hinsichtlich der Dimension Tierwohl empfiehlt der WBAEinsbesondere,(1) ein mehrstufiges, staatliches Tierschutzlabel mit im Zeitablauf steigenden Anforderungen zu entwickeln (Bund), (2) das Tierschutzlabel in eine nationale Nutztierstrategie einzubinden (Bund, Länder), (3) auf eine verpflichtende Kennzeichnung auf EU-Ebene hinzuwirken (Bund, EU) sowie (4) die Nutzung von Tierschutzbegriffen rechtlich zu regeln (Bund).
  • Werbeumgebung nachhaltiger gestalten, indem(1) an Kinder gerichtete Werbung für nicht und wenig gesundheitsfördernde Lebensmittel eingeschränkt (Bund) sowie (2) Werbung für Lebensmittel in Kitas und Schulen (Länder, Kommunen) verboten werden, (3) die Angabe des Nutri-Scores in der Lebensmittelwerbung verpflichtend wird (Bund) und (4) Werbemaßnahmen in sozialen Medien immer als solche kenntlich gemacht werden müssen (Bund).
  • „Digitales Ecosystem nachhaltigere Ernährung” schaffen, indem(1) Apps und digitale Anwendungen zu einem „digitalen Ecosystem nachhaltigere Ernährung” entwickelt und ausgebaut werden, welches Anwendungen und Daten im Umfeld der Ernährung für den gesamten Verhaltensprozess zur Verfügung stellt und verständlich integriert (Bund), (2) eine valide, integrierte Open-access-Datenbasis („Bundesnachhaltigkeitsschlüssel”) geschaffen wird (Bund), (3) für Verbraucher*innen die Verfügbarkeit über eigene Daten rechtlich stärker gesichert wird und freiwillige Datenspenden ermöglicht werden (Bund) sowie (4) private smarte „digitale Ecosystems“ einer Qualitätskontrolle unterworfen werden (Bund, Länder).

Empfehlung: Nachhaltigere Ernährung als das „New Normal” – „Soziale Normen kalibrieren”

Die verfügbaren Angebote und Portionsgrößen „kalibrieren“ unser Wahrnehmungsfeld und was wir als normal und angemessen empfinden (soziale Norm). Soziale Normen prägen das Konsumverhalten entscheidend mit. Es ist deshalb wichtig, dass die Exposition und der Zugang als wichtige Elemente der Ernährungsumgebung stärker in den Blick genommen werden und eine stärkere Exposition gegenüber sowie ein besserer Zugang zu nachhaltigeren Produkten zum „New Normal” werden.

Der WBAE empfiehlt:

  • Kleinere Portionsgrößen zum Standard machen durch (1) die verpflichtende Umsetzung der DGE-Qualitätsstandards für die öffentliche Gemeinschaftsverpflegung (Bund, Länder, Kommunen) und (2) die Verfügbarmachung kleiner Portionsgrößen in der Außer-Haus-Verpflegung (Bund, Länder, Kommunen, Wirtschaft). Darüber hinaus empfiehlt der WBAE (3) durch die stärkere Einbindung der Portionsgrößenthematik in die BMEL-Kampagne „Zu gut für die Tonne” (Bund) das Bewusstsein für den Portionsgrößeneffekt und die Akzeptanz von Maßnahmen zur Regulierung und Vermeidung des Effekts in der Bevölkerung zu erhöhen, (4) innovative Maßnahmen zur Verringerung bzw. Vermeidung des Portionsgrößeneffektes zu erproben (Bund, Länder) und (5) freiwillige Maßnahmen der Wirtschaft zu initiieren (Bund, Wirtschaft).
  • Konsum zuckerhaltiger Getränke reduzieren und Leitungswasserkonsum ambitioniert fördern. Der WBAE empfiehlt ein nationales Aktionsprogramm „Reduktion Süßgetränke” aufzulegen, das folgende Maßnahmen koordiniert: (1) Die Einführung einer Steuer auf zuckerhaltige Getränke gemäß ihres Gehalts an freiem Zucker (Bund), (2) die kostenlose Bereitstellung von Leitungswasser im öffentlichen Raum (Bund, Länder, Kommunen), (3) die verpflichtende Kennzeichnung von Getränken mit dem geplanten Nutri-Score (Bund), (4) eine ambitionierte Förderung von Leitungswasserangeboten in der Gastronomie und im Einzelhandel (Bund, Länder), (5) die verpflichtende Vorschrift, Wasser oder andere nicht kalorische Varianten als Standardoption bei Kindermenüs anzubieten (Bund, Länder, Kommunen), (6) die Verringerung des Angebots zuckerhaltiger Getränke in öffentlichen Einrichtungen und die Steigerung der Attraktivität des Konsums von Leitungswasser (Länder, Kommunen, Bund), (7) eine breit angelegte Informationskampagne zur Vermeidung der „Getränkefalle”, (8) das Hervorheben kleiner Getränkegrößen in der Gastronomie und im Außer-Haus-Markt (Bund, Länder), (9) ein Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für Produkte mit hohem Zuckeranteil (Bund) sowie (10) die Förderung des Konsums leichter Schorlen durch Reformulierung (Bund).
  • Potenziale der Reformulierung realistisch einschätzen und nutzen, indem die nationale Reduktions- und Innovationsstrategie des BMEL fortgeführt und weiterentwickelt wird. Insbesondere sollten die Reformulierungsmaßnahmen (1) priorisiert und zunächst auf Zuckergehalt und bestimmte Produktgruppen fokussiert werden (Bund, Wirtschaft), (2) systematisch wissenschaftlich unterlegt werden (Bund) und (3) auf der Basis dieser wissenschaftlichen Ergebnisse auf weitere Produktgruppen und den Außer-Haus-Bereich ausgedehnt werden (Bund, Wirtschaft). Darüber hinaus sollten (4) den Lebensmittelherstellern eine wissenschaftsbasierte Toolbox bzgl. Reformulierungsmöglichkeiten und -strategien zur Verfügung gestellt (Bund, Wirtschaft) und (5) die Erreichung der Reformulierungsziele beobachtet und lebensmittelrechtliche Vorgaben ggf. verschärft werden (Bund).
  • Lebensmittelabfälle effizient reduzieren, indem (1) das Monitoring von Lebensmittelabfällen aufgebaut und die Daten für wissenschaftliche Analysen verfügbar gemacht werden (Bund), (2) mit Hilfe der Monitoringdaten Reduktionsmaßnahmen systematischer evaluiert werden (Bund) und (3) die Kampagne „Zu gut für die Tonne” des BMELs ausgebaut wird (Bund). Darüber hinaus sollten (4) das Reduktionspotenzial verkleinerter Portionsgrößen erforscht (Bund), (5) Tafeln stärker durch Infrastrukturförderung unterstützt (Länder, Kommunen) und (6) eine gesetzliche Verpflichtung zur Abgabe von noch verzehrfähigen Lebensmitteln für Handel und Bäckereien geprüft (Bund, Länder) werden. Schließlich sollte (7) in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung mit gutem (Management-)Beispiel vorangegangen werden, z. B. durch die Nutzung von Planungstools und die Umsetzung der DGE-Standards (Bund, Länder, Kommunen).

Empfehlung: Angebote in öffentlichen Einrichtungen verbessern – „Großküchen nachhaltiger gestalten“

Im Gesundheitssystem ist Ernährung derzeit eher ein Nebenthema. Damit werden erhebliche Qualitätsdefizite in Kauf genommen und auch ein falsches Signal an die Klient*innen und in die Gesellschaft gesendet. Der WBAE empfiehlt deshalb, in der Senioren-, Krankenhaus- und Rehaverpflegung Ernährung nicht nur aus einer versorgungspraktischen Perspektive zu betrachten, sondern eine hochwertige Qualität des Essens und der Ernährungsumgebung sicherzustellen.

Der WBAE empfiehlt:

  • Seniorenverpflegung neu denken. Um die Ernährungs- und gesundheitsbezogene Versorgungssituation älterer Menschen zu verbessern, sollten (1) die Qualitätsstandards der DGE für die Seniorenverpflegung in allen Senioreneinrichtungen verpflichtend umgesetzt (Bund, Kommunen) und (2) dezentrale Mittagstische („Auf Rädern zum Essen”) und kommunale „Kümmerer” (Länder, Kommunen) eingerichtet werden. Um die Datenlage zur Lebenssituation der Bevölkerungsgruppe 65+ zu verbessern, sollten (3) das Monitoring der Versorgungssituation und die Evaluation von Maßnahmen für die Bevölkerungsgruppe 65 plus mit einem Fokus auf Altersarmut verbessert (Bund, Länder, Kommunen) und (4) Ernährungsscreenings in Kliniken, stationären Einrichtungen und Hausarztpraxen eingeführt sowie Pflegepersonal und Ärzteschaft sensibilisiert werden (Bund, GKV & PKV, Ärztekammer).
  • Gesundheitsförderndes Essen im Gesundheitssystem, indem (1) die Qualitätsstandards der DGE für die Verpflegung in Krankenhäusern und Reha-Kliniken vorgeschrieben und kontrolliert werden (Bund, Länder, GKV & PKV) und (2) die Möglichkeit einer Berücksichtigung qualitätsbezogener Faktoren (z. B. Ergebnisse externer Qualitätsprüfungen) in der Verpflegungsfinanzierung geprüft werden (Bund, Länder, GKV & PKV).

Empfehlung: Landbausysteme weiterentwickeln und kennzeichnen – „Öko und mehr”

Der ökologische Landbau ist ein vergleichsweise umweltfreundliches System, von dem auch Innovationsimpulse für die gesamte Landwirtschaft ausgehen. Er sollte deshalb auch weiterhin gefördert werden. Aber mehr Ökolandbau ist nicht in jeder Hinsicht nachhaltiger, so dass eine Komplettumstellung der Landwirtschaft nicht das Ziel sein sollte. Die häufig (zu) pauschale Gegenüberstellung von konventionell versus bio trifft nicht die Realität der Landwirtschaft mit ihren vielfältigen Betriebskonzepten. Vom Grundsatz her und global gedacht sind nachhaltigere Landbausysteme mit höherer Flächennutzungseffizienz als im Ökolandbau, wie er derzeit definiert ist, denkbar.

Der WBAE empfiehlt:

  • Förderung des Ökolandbaus zielgerichtet weiterentwickeln (Bund, Länder). Die Förderung des Ökolandbaus sollte dort, wo er einen besonders hohen Nutzen stiftet (z. B. in § 13-Gebietskulissen der Düngeverordnung („rote Gebiete”)), sowie durch bessere Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Agrarumweltmaßnahmen weiter ausgebaut werden.
  • Positive Leistungen des Ökolandbaus in Abständen überprüfen (z. B. bei Erreichung des 20 %-Ziels) und dabei auch die möglichen negativen Verlagerungseffekte einbeziehen (Bund).
  • Nachhaltigere Landbewirtschaftungssysteme entwickeln und für Lebensmittelverarbeiter und in weiteren Entwicklungsschritten auch für Verbraucher*innen erkennbar machen. Für eine nachhaltige Entwicklung sollte sowohl an der Weiterentwicklung des Systems Ökolandbau (Ziel: Verringerung der Ertragslücke zwischen ökologischem und konventionellem Landbau) als auch an der Etablierung von Zwischenformen nachhaltigerer Landbausysteme gearbeitet werden, die hinsichtlich der Umweltleistungen mit dem Ökolandbau mithalten können, aber höhere Erträge erzielen. Solche Ansätze sollten perspektivisch in Richtung eines zertifizierungsfähigen Landbaustandards und damit eines (ggf. mehrstufigen) Labels weiterentwickelt werden (Bund).
  • Ein Klimalabel entwickeln und einführen (Bund).
  • Technologieentwicklungen hinsichtlich deren Nachhaltigkeitsbewertung und Zulassungspraxis überdenken (EU, Bund, Länder). Neue Technologien, die z. B. in den Bereichen Robotik, Sensorik und Genome Editing entwickelt werden, können neue Perspektiven für eine nachhaltigere Ernährungssicherung und die Verringerung negativer Umwelteffekte der Anbausysteme eröffnen. Pflanzenschutzmittel, selektiv und zielorientiert eingesetzt, können Nahrungsmittelverluste verringern und zu nachhaltigeren Anbausystemen beitragen. Die politischen Entscheidungsträger*innen sollten darauf achten, dass die Potenziale von technologischen Lösungsbeiträgen für eine nachhaltigere Produktion nicht „verschenkt“ werden. Ansonsten drohen hierdurch unerwünschte Verlagerungen der Produktion in Regionen bzw. Länder mit niedrigeren Umwelt- und Klimaschutzstandards. Der gesellschaftliche Diskurs um Technologieentwicklungen im Agrar- und Ernährungssystem sollte verstärkt werden.

Empfehlung:           Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufwerten und institutionell weiterentwickeln – „Eine integrierte Ernährungspolitik etablieren”

Um Handlungsfähigkeit im konzeptionell noch recht jungen und stark von Interessen geprägten Politikfeld der nachhaltigeren Ernährung zu erlangen, empfiehlt der WBAE eine umfassende Neuausrichtung und Stärkung der Ernährungspolitik, die die vier Nachhaltigkeitsdimensionen Gesundheit, Soziales, Umwelt und Tierwohl integriert.

Eine integrierte Politik für eine nachhaltigere Ernährung erfordert eine konzeptionelle Neuausrichtung der Ernährungspolitik entlang von fünf Entscheidungsfeldern:

  • Ansatzstelle: Der Staat soll verstärkt in die Verantwortung genommen werden und die Ernährungsumgebung gezielt gestalten und verbessern, damit Verbraucher*innen entlastet werden und mehr sowie nachhaltigere Wahlmöglichkeiten erhalten.
  • Reichweite: Eine Konzentration auf zentrale Handlungsfelder ist erforderlich, um die Reichweite von Ernährungspolitik zu erhöhen.
  • Regulationsorientierung: Es sollte ein breiter und abgestimmter Instrumentenmix umgesetzt werden; insbesondere sollten das Ordnungsrecht und ökonomische Anreize verstärkt und Informationen verlässlicher werden, um die Ernährungsumgebung auf unsere menschlichen Wahrnehmungs- und Entscheidungsmöglichkeiten sowie Verhaltensweisen abzustimmen.
  • Adressat: Es sollten umfassende nachfrageseitige Instrumente eingeführt werden, um eine bessere Verknüpfung nachfrage- und angebotsseitiger Instrumente zu erreichen.
  • Zielgruppenorientierung: Eine klare Zielgruppenorientierung ist erforderlich, damit auch vulnerable Gruppen (Kinder, von Ernährungsarmut betroffene Haushalte, ältere Menschen) stärker berücksichtigt werden.
Quelle: Eigene Darstellung.

Der WBAE empfiehlt:

  • Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung” aufwerten und institutionell weiterentwickeln (Bund), indem insbesondere (1) die Ernährungspolitik mit einem verstärkten, den Herausforderungen angemessenen Budget ausgestattet wird, (2) konsistente Ziele und Indikatoren für das Politikfeld „Nachhaltigere Ernährung“ entwickelt werden, (3) die zuständigen Ministerien stärker vernetzt werden und (4) die Ernährungspolitik im BMEL aufgewertet und gegenüber agrarwirtschaftlichen Interessen gestärkt wird.
  • Ernährungspolitische Instrumente kombiniert und evidenzbasiert einsetzen, indem(1) diese stärker konzeptionell fundiert, kombiniert und aufeinander abgestimmt eingesetzt werden (Bund) und (2) die Implementierung und Wirksamkeit ernährungspolitischer Maßnahmen umfangreich untersucht wird (Bund, Länder). Die Bundesregierung sollte dabei lernend vorgehen, d. h. mit Betonung auf evidenzbasierter Gestaltung und Evaluation der Implementierung und der erzielten Effekte.
  • Monitoring und Datenverfügbarkeit verbessern, indem (1) das Monitoring ernährungspolitisch relevanter Entwicklungen ausgebaut wird (Bund, Länder), (2) Monitoringdaten öffentlicher Forschungseinrichtungen schneller für die Forschung verfügbar gemacht (Bund, Länder) sowie (3) eine regelmäßige Berichterstattung zur „Nachhaltigeren Ernährung” aufgelegt (Bund) werden.
  • „Digitales Ecosystem nachhaltigere Ernährung” schaffen (Bund), indem (1) Apps und digitale Anwendungen zu einem „digitalen Ecosystem” für eine nachhaltigere Ernährung entwickelt und ausgebaut werden, welches Anwendungen und Daten im Umfeld der Ernährung für den gesamten Verhaltensprozess zur Verfügung stellt und verständlich integriert und (2) eine valide, integrierte Open-access-Datenbasis („Bundesnachhaltigkeitsschlüssel”) geschaffen wird.
  • Ausgaben der Krankenkassen für Prävention verstärkt im Präventionsfeld Ernährung sowie sach- und evidenzorientiert einsetzen (Bund, GKV).
  • Freiwillige Maßnahmen mit klaren Transparenz- und Zielvorgaben versehen (Bund)
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