Ernährungspolitische Instrumente

Vor dem Hintergrund der in diesem Gutachten aufgezeigten Problemfelder und des skizzierten ernährungspolitischen Entscheidungsfeldes steht die Politik in Deutschland vor der Herausforderung, ein möglichst kohärentes Instrumentarium zur Förderung einer nachhaltigeren Ernährung zu entwickeln. Die hierfür zur Verfügung stehenden Instrumente wurden in den letzten Jahren in der Wissenschaft intensiv diskutiert und finden teilweise in verschiedenen Ländern bereits Anwendung. Es liegen mehrere, sich teilweise überlappende Systematisierungen vor. Diese ordnen das ernährungspolitische Instrumentarium nach den folgenden Kriterien:

  • Eingriffstiefe: Instrumente weisen unterschiedliche Einflussstärken auf das persönliche Wahlverhalten der Konsument*innen auf. Entscheidungsunterstützende Instrumente (z. B. Label) greifen bspw. weniger tief in das individuelle Konsumverhalten ein als lenkende (z. B. Steuern und Subventionen) oder beschränkende Instrumente (z. B. Produktreformulierung).
Quelle: Eigene Darstellung nach Nuffield Council on Bioethics (2007) und Jebb et al. (2013).
  • Adressat: Einige Instrumente adressieren direkt die Konsument*innen (bspw. Informationskampagnen), andere adressieren weitere Marktteilnehmer*innen, so bspw. die Gastronomie, wenn eine Pflicht, Leitungswasser kostenfrei und Mineralwasser als kostengünstigstes Getränk anzubieten, eingeführt würde.
  • Ansatzpunkt: Auf einer weiteren Ebene lassen sich Maßnahmen, die beim Individuum bzw. beim Haushalt ansetzen (alternativ: Verhaltensprävention), von Settingansätzen (alternativ: Verhältnisprävention) unterscheiden. Ansätze der Verhaltensprävention zielen in der Regel auf die zielgerichtete Verhaltensregulation einzelner Personen ab. Das primäre Ziel von verhaltenspräventiven Maßnahmen wie z. B. Informationsbereitstellung oder Bildung ist es, Menschen zu motivieren, ihr Verhalten zu verändern. Settingansätze umfassen hingegen Bereiche der Gemeinschaftsverpflegung wie Kitas, Schulen, Hochschulen, Krankenhäuser, Senioreneinrichtungen oder Gefängnisse. Direkt adressiert wird nicht das Individuum, sondern eine spezifische Organisation, in der sich eine Vielzahl von Menschen ernähren.
  • Verschiedene Instrumente können schließlich in einer weiteren Systematisierung entweder explizite („Ratio-Modus”) oder implizite Aspekte („Autopilot“) der Verhaltenssteuerung adressieren. Informationskampagnen (z. B. Fünf-am-Tag), die in erster Linie Wissen vermitteln sollen, sprechen vornehmlich unseren „Ratio-Modus” an und erfordern eine zielgerichtete Steuerung bzw. Regulation unseres Verhaltens. Diese Form von Maßnahmen beeinflusst nicht unmittelbar das individuelle Verhalten, sondern erhöht die Exposition und den Zugang zu Informationen, die eigentliche „Übersetzung” in das Verhalten hängt von vielen weiteren Faktoren ab (z. B. finanzielle Ressourcen, soziale Normen, Kompetenz), die von dieser Form von Maßnahmen nicht direkt adressiert werden. Implizite Maßnahmen, die unseren Autopiloten ansprechen, müssen hingegen zum Zeitpunkt der Entscheidung den Konsument*innen nicht bewusst sein, beeinflussen aber dennoch das Verhaltensmuster teils erheblich (bspw. verkleinerte Portionsgrößen).
  • Primärer Ansatzpunkt/Verhaltenswirksamkeit: Instrumente können schließlich danach gegliedert werden, an welchen Stellen im Ernährungsverhaltensprozess sie primär ansetzen.

Im Gutachten wird den aus Sicht der Autor*innen besonders relevanten ernährungspolitischen Instrumenten jeweils ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Hierfür wurde die Systematik aufgegriffen, welche die verschiedenen Instrumente nach den Phasen des Verhaltensprozesses ordnet. Diese Übersicht verdeutlicht, an welchen Stellen des Ernährungsverhaltens welche Instrumente primär ansetzen. Dabei erscheint es plausibel anzunehmen, dass ein Instrument umso wirksamer ist (im Sinne der Förderung einer nachhaltigeren Ernährung), je mehr Phasen durch dieses Instrument direkt adressiert werden (primärer Effekt).

Quelle: Eigene Darstellung.

Einige Instrumente setzen an allen Phasen des Verhaltensprozesses an, wie beispielsweise eine beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung: Sie erhöht die Exposition gegenüber gesundheitsförderlichen Lebensmitteln und Essangeboten, verändert aber auch den generellen Zugang zu den jeweiligen Angeboten sowie die Auswahlmöglichkeiten. Durch die Gestaltung des Angebots (z. B. Qualität, Portionsgröße) und der Essumgebung (z. B. Ausstattung der Mensa) wird ferner das Essverhalten unmittelbar beeinflusst. Damit hat eine beitragsfreie und qualitativ hochwertige Kita- und Schulverpflegung eine breite Verhaltenswirksamkeit.

Andere Instrumente setzen hingegen primär an einer Phase des Verhaltensprozesses an, wirken sich dann in der Regel aber sekundär auch auf die anderen Phasen des Verhaltensprozesses aus. So beeinflussen Steuern primär den Zugang zu Lebensmitteln, indem sie das betreffende Angebot verteuern und es so weniger zugänglich bzw. weniger attraktiv machen. Diese Veränderung wirkt sich dann sekundär z. B. auf die Auswahl und den Konsum und unter Umständen auch auf die Exposition aus, wenn Produkte aufgrund sinkender Nachfrage nicht mehr angeboten werden. Generell erscheint es plausibel anzunehmen, dass ein Instrument umso wirksamer ist (im Sinne der Förderung einer nachhaltigeren Ernährung), je mehr Phasen durch dieses Instrument direkt adressiert werden.

Generell zeigt ein einzelnes Instrument für sich deutlich geringere Wirkungen als die aufeinander abgestimmte Kombination in einem Instrumentenmix. Da unsere Ernährung so stark gewohnheitsmäßig verankert ist, resultiert daraus die Notwendigkeit eines stimmigen Politikmix sowie eines konzeptionellen und budgetmäßigen Ausbaus des Politikfeldes. Im Rahmen einer übergreifenden Strategie mit langfristigen, überprüfbaren Zielen sollte der notwendige Instrumentenmix zielgerichtet und engagiert im Sinne einer reflexiven Politik erprobt, konsequent evaluiert und daraufhin evidenzbasiert angepasst werden. Dies setzt ein transparentes Monitoring voraus. Eine institutionelle Weiterentwicklung und Stärkung des Politikfeldes erfordert zudem eine stärkere Vernetzung zwischen den relevanten Ressorts (insbesondere Ernährung und Landwirtschaft, Gesundheit, Umwelt) und zwischen den verschiedenen Politikebenen (von der Kommune bis zur EU).

%d Bloggern gefällt das: